ÄHNLICHKEIT UND UNTERSCHIEDLICHKEIT DER BEDEUTUNGSÜBERTRAGUNG IN ZWEI SPRACHEN

(Deutsch und Kasachisch)

Srailowa G., Duisenowa K., Abai-Universität, Almaty, Kasachstan.

  

  Wenn die Beziehungen zwischen Muttersprache und Fremdsprache untersucht werden,   interessieren vor allem die Erscheinungen, die beim Sprechen in der Fremdsprache einen Interferenzfehler verursachen können. Im FU werden dann diese Erscheinungen gründlicher und länger behandelt und geübt, damit der Lernende diese Fehler beim Sprechen vermeiden kann.

   Bei dieser Einstellung wird aber die andere Seite der Sprachbeherrschung, das Verstehen, vernachlässigt. Auf die Entwicklung dieser Fähigkeit achten wir nicht so sehr, wir sind beruhigt dadurch, dass man in der Fremdsprache sowieso mehr verstehen als sagen kann, dass die passiven Kenntnisse umfangreicher sind als die aktiven.

   Erklärt wird diese Tatsache dadurch, dass der Kontext (der linguistische sowie der extralinguistische) die Bedeutung des unbekannten Wortes klären bzw.  die Bedeutung eines halbvergessennen Wortes wieder ins Bewusstsein rufen kann. Sich aber nur auf den Kontext zu berufen, hieße ihn über zu bewerten.

   Es gibt noch einen wichtigen Faktor, den wir nicht außer acht lassen können, und das ist die

Bedeutungsübertragung. Ein sehr aufschlussreiches Beispiel soll das Gemeinte kurz demonstrieren, ehe wir es ausführlich behandeln: So heißt es im Deutschen: Ich habe den Brief überflogen. Im Kasachischen: Ìåí õàòқà êөç æүã³ðò³ï øûқòûì.

Das kasachische Verb æүã³ðó  entspricht dem deutsche laufen. Diese Unterschiedlichkeit  hindert aber den Kasachen nicht, den Satz zu verstehen, nicht weil er den Rest des Satzes kennt, sondern weil er die Hauptbedeutung  von fliegen kennt, weil er weiß, dass damit wie auch mit der Hauptbedeutung von laufen eine schnelle Bewegung gemeint ist.

   Die Bedeutungsübertragung wird nur in dem Zusammenhang behandelt, dass ihre Unterschiedlichkeit zwei Sprachen zur homogenen Hemmung, also zu einem Interferenzfehler

führen kann. Ein Beispiel dafür:  entspricht in der Hauptbedeutung dt. der Kopf. Adäquate Bedeutungen der beiden Wörter sind:

Àäàìíûң áàñû – Kopf des Menschen

Áàñ îðàìàë – das Kopftuch

Inadäquate Bedeutungen bzw. andere Bedeutungen der kasachischen Bezeichnung «áàñ» sind aber:

²ñò³ң áàñû- Anfang einer Arbeit

Òөñåêò³ң áàñû - das Kopfende

Äîïòû áàñïåí ұðó - der Kopfball

  Wegen der gleichen Bedeutungsübertragung in den ersten zwei Bedeutungen versteht ein Kasache den Sinn von der Kopftuch, ohne diese Bedeutung des deutschen Wortes Kopf  je gehört zu haben. Bei der unterschiedlichen Bedeutungsübertragung besteht die Möglichkeit, dass einem Kasachen beim Sprechen oder Übersetzen aus dem Kasachischen ins Deutsche ein Interferenzfehler unterläuft wie der Arbeitskopf, der Bettkopf.

  Wenn ein Kasache das Wort Kopftuch hört, versteht er es gleich, ohne diese Bezeichnung von Tuch je gehört zu haben. Diese Bedeutung von Tuch  gliedert sich nämlich in eine andere Bedeutungsübertragung ein. Die beiden Sprachen differenzieren unterschiedlich. Die Möglichkeit, in zwei Sprachen unterschiedlich zu differenzieren, besteht deshalb, weil einer Bedeutung eines Wortes, vor allem der Hauptbedeutung, mehrere Bedeutungselemente (Seme) Zugrunde liegen und in den verschiedenen Bedeutungen unterschiedlicher Wörter ein oder mehrere Bedeutungselemente übereinstimmen können. Wenn in der übertragenen Bedeutung nur ein oder zwei solche Seme gebraucht werden, können sie verschiedenen Bedeutungen, die sie alle enthalten, entnommen werden. Sowohl die Hauptbedeutung vom Kasachischen «îðàìàë»  als auch die von dt. Tuch haben solche gemeinsamen Merkmale, die den Gebrauch der Wörter Kopftuch, Handtuch, Halstuch  ermöglichen.

  Wenn das Verstehen solcher Vokabeln keine Schwierigkeiten macht, warum müssen wir uns dann mit diesem Problem überhaupt beschäftigen? Dafür können drei Gründe angegeben werden:

1. Verschiedentlich müssen sogar die adäquaten Ausdrücke bewusst gemacht werden, denn wenn man über die Unterschiede Bescheid weiß, gebraucht man auch die adäquaten Elemente mit mehr Vorsicht.

2. Nicht jede Bedeutungsübertragung der Fremdsprache ist dem Lernenden so leicht zugänglich. In ihm sind die Seme, die kleinsten, grundlegenden Bedeutungselemente der Hauptbedeutung eines Wortes nicht so tief verankert wie bei einem Muttersprachler. Manchmal erlernt er gar nicht die Hauptbedeutung eines Wortes zuerst, sondern eine oder mehrere Nebenbedeutungen. So kann er die Verbindung zwischen zwei Bedeutungen (Sememen) eines Wortes nur mit Schwierigkeiten herstellen.

3. Die Bedeutungsübertragung bzw. die Fähigkeit, gemeinsame Merkmale durch den Gebrauch ein und desselben Wortes für zwei verschiedene Begriffe hervorzuheben, ist die Grundlage auch für die Metaphern, die wir in der dichterischen Sprache finden. Sie werden in der Stilistik behandelt. Wir sind der Meinung, dass dieses Problem nicht nur ein stilistisches ist.

  Wenn nämlich ein neu entstehender  Begriff aufgrund eines oder mehrerer gemeinsame Merkmale mit einem schon vorhandenen Wort bezeichnet wird, dann geht es um denselben Mechanismus wie bei den Metaphern der dichterischen Sprache, nur dass letztere von der Sprachgemeinschaft nicht  nachgeahmt d.h. lexikalisiert werden. Wenn solche Bedeutungsübertragungen lexikalisiert werden, nimmt der Bedeutungsumfang der Bezeichnung zu, die Metapher aber verliert ihre Expressivität. Die Grenzen zwischen den schon lexikalisierten und noch nicht lexikalisierten Bedeutungsübertragungen sind nämlich fließend.

  Neue Begriffe, die wir mit einem schon vorhandenen Wort bezeichnen müssen, entstehen jeden Tag. Man kann für sie auch Fremdwörter übernehmen, aber diese Art den Benennung der neuen Begriffe ist wesentlich seltener als die Bezeichnungs- bzw. die Bedeutungsübertragung.

Man kann sich davon überzeugen, wenn man die Zeitungen liest. Wir sind auch dieses Problem gestoßen, als ich sah, wie den Studenten wie  in den Wörterbüchern nicht angegebenen oder noch nicht gelernten Bedeutungen und Metaphern Schwierigkeiten bereiten.

  Die Erfassung einer übertragenenn Bedeutung bei Kenntnis der Hauptbedeutung, dass Erschließen der „Bedeutung“ einer Metapher ist unserer Meinung nach eine Fähigkeit, die durch Praxis und Analyse solcher Fälle zu entwickeln ist.

  Das semantische Verstehen solcher Satzverwendungen impliziert einerseits das Verstehen der hier vorgeschlagenen Propositionsformel „Ortsveränderung“, andererseits das Verstehen der Bedeutungen der Elemente, die in die entsprechenden Positionen der Propositionsformel eigesetzt werden. Die Bedeutungen der Einzelelemente können in Form von Komplexionen semantischer Merkmale verstanden  und repräsentiert werden. Beispielweise kann die Bedeutung des Elements Junggeselle in dem Satz:

1.Martin ist Junggeselle.

mit Hilfe folgender Sätze, die die einzelnen semantischen Merkmale des Lexems Junggeselle präsentieren, erfasst werden:

2. Martin ist ein Mensch.

3. Martin ist ein Mann. .

4. Martin ist unverheiratet.

  Das semantische Verstehen des Satzes (1) setzt also mindestens das Verstehen der Sätze (2),(3),(4) voraus. Semantisches Verstehen erweist sich- im Lichte unseres Beispiels-in erster Linie als präsupponierendes Verstehen, weil der Satz (1) als ein Integrationsresultat der ihn präsuppositiv vorbereitenden Sätze (2)-(4) aufgefasst werden kann.

Wir wollen an dieser Stelle unsere Überlegungen zum semantischen Verstehen abbrechen, ohne behaupten zu wollen, dass das Problem in theoretisch befriedigender Weise beleuchtet sei.      

  Wichtiger für die Zwecke unserer Erwägungen ist die Bemerkung, dass es uns bis jetzt ausschließlich um einsprachiges Verstehen ging, das für die monolinqualen Sprecher charakteristisch ist.

  Bei Lernenden, für Deutsch die zu erlernende Sprache ist, tritt neben dem einsprachigen Verstehen auch zweisprachiges Verstehen auf. Zumindest in der Anfangsphase des Lernens ordnet der Lernende den lexikalischen Einheiten der Fremdsprache die entsprechenden bzw. die relativ äquivalenten Einheiten der Muttersprache zu. Beispielweise kann der kasachische Muttersprachler dem deutschen Lexem Junggeselle das kasachische Lexem áîçáàëà zuordnen. Das Verstehen des Satzes Martin ist Junggeselle kann dann auf einer Zuordnungsoperation beruhen, die etwa folgendermaßen formuliert werden könnte:

Martin ist Junggeselle./ Ìàðòèí  áîçáàëà.

  Das zweisprachige Verstehen wird also in Form von impliziten interlingualen Translation bzw. Paraphasen realisiert, die die für das einsprachige Verstehen charakteristischen Präsuppositionen bzw. Satzimplikationen obengenannten Typs nicht unbedingt einschließen müssen. Infolgedessen können fremdsprachigen Lexemen die semantischen Merkmale der als äquivalent postulierten muttersprachigen Lexeme zugeordnet werden, was das adäquate einsprachige Verstehen erschweren bzw. völlig blockieren kann. Falls, z.B., ein kasachischer Muttersprachler den Satz Martin ist ledig als äquivalent mit dem kasachischen Satz Martin áîéäàқ verstanden hat,  wird er zunächst den Satz Monika ist ledig für schwer verständlich, widersprüchlich bzw. inkorrekt halten. Noch größere Schwierigkeiten dürfte es im Fall des Verbs heiraten geben. Das Lexem heiraten ist für den zweisprachig verstehenden Kasachen entschieden mehrdeutig. Erst aufgrund der Verbergänzung, die die Rolle des Satzsubjekts spielt, kann das äquivalente kasachische Verb gewählt und somit der ganze Satz verstanden werden. Steht ein männliches Wesen im Satzsubjekt, wird für heiraten das kasachische Verb үéëåíó  gewählt. Steht dagegen eine weibliche Person im deutschen Satzsubjekt, so muss als Verstehensäquivalent das kasachische Verb òұðìûñқà øûғó in Betracht gezogen werden. Die folgenden Sätze mit dem Verb heiraten illustrieren drei unterschiedliche Verstehensmöglichkeiten durch den kasachischen Deutschsprecher:

Peter heiratet Ewa./ Ïåòåð Åâàғà үéëåíåä³.

Ewa heiratet Peter./ Åâà Ïåòåðãå òұðìûñқà øûғàäû.

Weißt du, dass Ewa heiratet?/ Åâàíûң êүéåóãå øûғàòûíûí åñò³ä³ң áå?

  Unseres Erachtens stellt das zweisprachige Verstehen bei der Erlernung einer Fremdsprache den notwendigen Übergang zu dem einsprachigen Verstehen dar, das wiederum zumeist einen mehr oder minder ausgeprägten paraphrastischen Charakter trägt. Das paraphrastische Verstehen liegt dann eindeutig vor, wenn der Lernende imstande ist, korrekte Paraphrasen der perzipierten Sätze bzw. Textsegmente zu produzieren. Die Sätze:

Otto ist Junggeselle.

Otto ist unverheiratet.

Otto ist ledig.

können als Paraphasen voneinander, d.h. als oberflächenhaft unterschiedliche Sätze mit relativ identischem Sinn betrachtet werden.

Wir können unseren Studenten nur eine beschränkte Anzahl von Wörtern bzw. Bedeutungen vermitteln. Da wir aber wollen, dass sie neue Bedeutungen eines bekannten Wortes selbst erschließen und so die tägliche, im Wörterbuch noch nicht fixierte Entwicklung der Fremdsprache verfolgen können, müssen wir sie mit dieser Fähigkeit auch ausrüsten. Darin sehe ich eines der Hauptanliegen des Sprachunterrichts für Fortgeschrittene.

 

Bibliographie:

1.G.Fischer. Die landeskundliche Kompetente bei der Behandlung literarische Texte im Deutschunterricht für ausländische Germanistikstudenten. DAF 2/1977

2.Meyer H. Unterrichtsmethoden. II- Praxisband, Berlin, Cornelson Verlag, 1987.

3.Âàéíðàéõ Ó. Îäíîÿçè÷èå è ìíîãîÿçè÷èå/Íîâîå â ëèíãâèñòèêå. Âûï.6-Ìîñêâà,1982.