Entwicklung des Artikelgebrauchs im Deutschen

Samsonowa Natalia Ivanovna

Kostanaier  staatliche Universität von A. Baitursinov

      Einige Grammatiker zählen auch Pronomina zur Wortart Artikel, weil diese den Artikel ersetzen können, wenn sie als Attribut benutzt werden, zum Beispiel kein/dieses/jenes/manches/jedes Computerprogramm.

       Weitere Bezeichnungen dieser erweiterten Begriffsbestimmung unter Einbeziehung der Determinativpronomen sind Artikelwort [ART], Determinans und Determinator [DET]. Dabei ist zu beachten, dass Artikelwörter nur dann als solche bewertet werden, wenn sie ein Hauptwort begleiten. Ohne dieses Merkmal sind es gewöhnliche Pronomina.

        Artikellosigkeit bedeutet nicht nur, dass einige Sprachen (zum Beispiel slawische Sprachen) keine Wortart Artikel aufweisen, sondern auch, dass sie fallweise auch kein Artikelwort besitzen. Diese Worte finden sich im Plural der unbestimmten Artikel, zum Beispiel bei dem Begriffspaar eine Zeitung vs. Zeitungen. Zeitungen nennt man dann einen Nullartikel zur Abgrenzung gegen Konstruktionen, welche die Verwendung eines Artikels verbieten wie etwa er hat Durst.

     Unter Einbeziehung des Artikelworts in die Definition der Wortart Artikel haben selbst artikellose Sprachtypen einen Artikel, zum Beispiel: lat. is vir bzw. russ. ýòîò ìóæ÷èíà für dt. ‚dieser Mann‘.

     Possessivartikel (lat. possidere 'besitzen') sind wiederum eine Unterklasse der Artikelwörter. Es handelt sich um Possessivpronomen, die als Artikel verwendet werden, zum Beispiel: mein Kopf, sein Buch, ihr Haus.

 

      Bereits in Wulfilas gotischer Bibelübersetzung lassen sich Artikel nachweisen. Ihren Gebrauch führt Ingerid Dal auf den Einfluss des griechischen Ausgangstextes zurück, in dem Artikel verwendet wurden. Im Althochdeutschen setzt sich ihre Verwendung immer weiter durch, wenn auch noch nicht in aller Konsequenz. Im Mittelhochdeutschen ist das Vorkommen von artikellosen Substantiven schon sehr stark eingeschränkt. In dieser Sprachperiode findet sich auch die im Neuhochdeutschen unmögliche Form der Artikelsetzung vor Possessivpronomen und Substantiv: „die iuweren schoenen tohter“.

       Eine weitere heute ungebräuchliche Konstruktion ist die gleichzeitige Verwendung von bestimmtem und unbestimmtem Artikel, die sich vor allem vor einem Relativsatz oder beim Superlativ nachweisen lässt: „ein daz schoenste gras“.

      Der bestimmte Artikel entwickelte sich aus den Demonstrativpronomen dër, diu, daz und wurde auch schon als Relativpronomen gebraucht. Infolgedessen entstanden die so genannten zusammengesetzten Demonstrativpronomen aus dem einfachen Demonstrativpronomen und dem unflektierbaren Demonstrativpartikel se. Daher wird zunächst auch nur der erste Teil flektiert; die Endflexion wird hier erst später die Regel.

       Dieser Trend lässt sich heute in Ansätzen auch in einigen baltischen und slawischen Sprachen beobachten. Im Tschechischen wird kontextgebundenen Substantiven oft ein Demonstrativpronomen vorangestellt, ebenso im Litauischen. Im Polnischen tauchen fallweise nachgestellte Demonstrativpronomina auf, die vorerwähnte Ausdrücke hervorheben.

       Der unbestimmte Artikel entwickelte sich aus dem Numeral althochdeutsch und mittelhochdeutsch ein (gotisch ains), wie auch der unbestimmte Artikel in den romanischen Sprachen aus dem lateinischen unus hervorgegangen ist (vergleiche französisch un, une; spanisch un, uno/una). Auch der Gebrauch des unbestimmten Artikels wird im Mittelhochdeutschen die Regel. Allerdings erreichte die Entwicklung erst nach und nach den Stand, dass zwischen dem Gebrauch von bestimmtem und unbestimmtem Artikel sowie Artikellosigkeit eine konkrete Bedeutungsrelation verstanden wurde.

         Das immer weitere Vordringen des Artikelgebrauchs lässt sich auf eine konstante Tendenz in der Entwicklung der Nebensilben zurückführen, die sich bis in die Gegenwartssprache fortsetzt. Aus sprachökonomischen Gründen kommt es zur Nebensilbenabschwächung und auch zur Nebensilbenvokalausstoßung (Apokope und Synkope). Diese in erster Linie lautliche Konstante hat Konsequenzen für das Formensystem, da sie sich wesentlich auf die Flexionsmorpheme auswirkt. Durch die Abschwächung der volltonigen Endsilbenvokale zu e fallen unterschiedliche Kasus formal zusammen; der Artikel wird gebraucht, um den Kasus anzuzeigen. Durch die Nebensilbenabschwächung wird folglich die Tendenz vom synthetischen zum analytischen Sprachbau verstärkt. Allerdings wird auch diskutiert, ob nicht vielleicht die Neben - silbenabschwächung eine Folge des Aufkommens des bestimmten Artikels sei.

  Literatur:

1.     Karl Bühler: Sprachtheorie: die Darstellungsfunktion der Sprache (= UTB. 1159). Nachdruck der 3. Auflage. Lucius & Lucius, Stuttgart 1999, §20. Die Funktionen des Artikels, S. 303-315.

2.     Wolfgang Gladrow: Die Determination des Substantivs im Russischen und Deutschen. Eine konfrontative Studie.. Leipzig 1979 Kommentar = über die Wiedergabe des deutschen Artikels im Russischen.

3.     Hans-Jürgen Grimm, Gertraud Heinrich: Der Artikel. VEB Enzyklopädie, Leipzig 1976 (gründliche Darstellung für den Fremdsprachenunterricht ohne großen theoretischen Anspruch).

4.     Hans-Jürgen Grimm: Untersuchung zum Artikelgebrauch im Deutschen. VEB Enzyklopädie, Leipzig 1986 (Wissenschaftlich anspruchsvoller als Grimm/Heinrich (1976), bezieht auch deutsch-russische und deutsch-tschechische Vergleiche ein).