Das deutsche Verb

Samsonowa Natalia Ivanovna

Kostanaier  staatliche Universität von A. Baitursinov

     In der deutschen Sprache ist der Unterschied zwischen starken Verben und schwachen Verben bedeutsam. In der sekundären Konjugation der Verben unterscheidet das Deutsche drei Personen (1. Person, 2. Person und 3. Person) und zwei Numeri (Singular und Plural). Das Verb steht in PN-Kongruenz zum Subjekt des Satzes.

Die deutsche Sprache tendiert dazu, den Gebrauch von Hilfsverben gegenüber der synthetischen Flexion vorzuziehen. Während dies beim Passiv und dem Futur vollkommen normal ist, vermuten manche das langsame Aussterben der Konjunktive oder sogar des Präteritums.

Das Deutsche kennt nur zwei eigentliche Zeiten, nämlich Präsens und Präteritum, mit deren Hilfe sämtliche Tempusformen gebildet werden; allerdings weichen manche Konjunktiv II-Formen von der eigentlichen Präteritum-Ableitung ab.

Präteritum ist die klassische Erzählvergangenheitsform. In Norddeutschland ist der Gebrauch des Präteritums in der Umgangssprache nahezu unverzichtbar, allerdings nimmt das Perfekt im Gebrauch zu. Dahingegen wird in Süddeutschland, Österreich und in der Schweiz mit der Ausnahme der Hilfs- und Modalverben statt des Präteritums auch dort das Perfekt verwendet, wo in Norddeutschland das Präteritum üblich wäre. Die alemannischen Dialekte, die in diesen Gebieten als Mundart gesprochen werden, kennen das Präteritum nicht. In Österreich nimmt bei Erzählungen in der Umgangssprache wiederum der Präteritumgebrauch zu. Möglicherweise wird der Zeitengebrauch im Norden wie im Süden durch länderübergreifendes Fernsehen beeinflusst.

Die wichtigste Form ist das Präsens. Es kann als historisches Präsens Präteritum bzw. Perfekt ersetzen und steht vielfach für das Futur I. In diesen Fällen steht oft ergänzend ein Adverbial der Zeit.Sprichwörter stehen im gnomischen Präsens: „Hochmut kommt vor dem Fall.“

Die Formen der Vergangenheitstempora Plusquamperfekt und Perfekt werden mit den Hilfsverben haben oder sein und dem Partizip Perfekt (Partizip II) gebildet. Das Präteritum verwendet den Stamm des Infinitivs.

Die Futurformen werden mit dem Verb werden bzw. (Futur II) werden und haben bzw. sein gebildet.

Plusquamperfekt, Futur II und auch Futur I werden eher selten in der gesprochenen Sprache verwendet. Manche Dialekte kennen diese Tempora nicht. Einige Dialekte kennen dafür das Plusplusquamperfekt oder „doppeltes Perfekt“ (z. B. Er hat ihn gesehen gehabt). Süddeutsche Dialekte haben kein Präteritum mit Ausnahme der Modal- und Hilfsverben. Im Schweizerdeutschen gibt es überhaupt kein Präteritum. Das Plattdeutsche kennt dagegen alle sechs Zeitformen, wobei die Futurformen mit sollen (auf Platt: sölen oder schölen [ik sall/schall]) gebildet werden.

Das Deutsche unterscheidet zwischen Aktiv und Passiv. Das Genus Verbi des Mediums, das in einigen indogermanischen Sprachen zu finden war, entspricht formal dem Aktiv oder wird mittels Reflexivpronomen verdeutlicht, und findet sich vereinzelt auch im Deutschen („Das Buch liest sich gut.“).

Insbesondere im formalen Deutsch ist das Passiv wichtig. Es wird aus den Hilfsverben werden bzw. sein und dem Partizip Perfekt gebildet und verkehrt die Perspektive des Aktivsatzes. Der Patiens wird Ausgangspunkt, der Agens verliert die Subjektrolle und kann auch wegfallen, so dass der „Täter“ (ohne einen Zusatz wie „durch“ oder „von“) unbekannt bleibt.

Das Deutsche unterscheidet zwischen dem Vorgangspassiv, das semantisch den Passiva der meisten anderen europäischen Sprachen entspricht und das meist mit dem Hilfsverb werden gebildet wird, und dem Zustandspassiv mit dem Hilfsverb sein. Diese Unterscheidung fehlt in vielen verwandten Sprachen. Während das Vorgangspassiv den Verlauf der Handlung ausdrückt, hebt das Zustandspassiv das Ergebnis der Handlung hervor (vgl. resultativ).

Man unterscheidet zwischen Imperativ-Formen ohne Personalpronomen (zum Beispiel geh! oder geht!) und Ersatzformen mit Personalpronomen, die ersatzweise für nicht existierende Imperativ-Formen verwendet werden (gehen wir! oder gehen Sie!). Außer der 1. Person Plural, die linguistisch einen Adhortativ darstellt, sind alle anderen Formen als Befehl an eine anwesende Person oder Gruppe von Personen zu sehen, auch wenn sich der Imperativ mit der höflichen Anrede „Sie“ syntaktisch an die 3. Person richtet und somit auch als Jussiv interpretiert werden kann.

Im Singular wird der flektierte Imperativ im Deutschen gebildet, indem man die Verbform der 2. Person Singular benutzt, aber neben dem Personalpronomen auch die Endung „-st“ weglässt. Im Plural wird nur das Pronomen weggelassen: „du arbeitest“ → „arbeite!“; „ihr lernt“ → „lernt!“ Bei starken Verben mit Umlaut in der 2. und 3. Person Singular entfällt der Vokalwechsel: „du läufst“ → „lauf!“.

Literatur:

1.     H. Brinkmann: Die Deutsche Sprache. Schwann, Düsseldorf 1962.

2.     G. Drosdowski u.a. (Hrsg.): Grammatik der deutschen Gegenwartssprache. Duden, Mannheim 1986.

3.     Peter Eisenberg: Grundriss der deutschen Grammatik. Das Wort (Bd. 1), Der Satz (Bd. 2), Metzler, Stuttgart 2006.

4.     U. Engel: Deutsche Grammatik. Groos, Heidelberg 1988.

5.     Peter Gallmann / Horst Sitta: Deutsche Grammatik. nach neuer Rechtschreibung. 4. Auflage. Lehrmittelverlag des Kantons Zürich, Zürich 2004, ISBN 3-906718-54-9.